#Femtember | Rachilde – Unbekannte Ikone der queeren Literatur

In meinem Beitrag zum #Femtember, der von Nico von »Im Buchwinkel« initiiert wurde, möchte ich euch die französische Schriftstellerin Marguerite Eymery alias Rachilde vorstellen, die Ende des 19. Jahrhunderts mit ihren Büchern und den darin behandelten ruchlosen Themen sowie ihrer emanzipierten Art für Aufregung sorgte. In Deutschland ist Rachilde und ihr Werk kaum bekannt und so möchte ich mit meiner heutigen Kolumne einen Beitrag dazu leisten diese Ikone der queeren Literatur wieder sichtbar zu machen.

Marguerite Eymery wurde am 11. Februar 1860 als einziges Kind eines Offiziers der französischen Armee geboren. Ihre Mutter war die Tochter eines Zeitungsverlegers und stammte aus einer alteingesessenen Familie, die den Schriftsteller Brantôme zu ihren Vorfahren zählen. In der einsamen Abgeschiedenheit des Familienanwesens »Le Cros« wuchs Marguerite zu einem Mädchen heran, dass wie ein Junge erzogen wurde und durch eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter ein beeinträchtigtes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht entwickelte. Mit Zwölf fing Marguerite zu Schreiben an und wurde in einem Brief von Victor Hugo in ihrem Tun ermutigt.

Mit 14 Jahren soll Marguerite schließlich verheiratet werden, doch sie entzieht sich durch einen versuchten Suizid der Vermählung und der damit einhergehende Bevormundung durch einen Ehemann. Ein Jahr später nahm Maguerite den Künstlernamen Rachilde an. Bereits 1877 veröffentlichte sie ihre ersten Artikel und Erzählungen für die regionale Zeitung, ein Jahr später fasste sie den Plan nach Paris zu gehen und Schriftstellerin zu werden, welchen sie 1881 in die Tat umsetzte.

1884 gelang Rachilde, die Männerkleidung trug und das verwirrende Spiel mit Geschlechterrollen beherrschte, der literarischer Durchbruch mit ihrem Roman »Monsieur Vénus«, der aus Angst vor der französischen Zensur in Belgien veröffentlicht wurde, wo sie zu zwei Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt wurde. Da die tabulose Schriftstellerin jedoch nicht nach Belgien einreiste, konnte die Strafe nicht vollstreckt werden.

Die Zerlegung der althergebrachten Rollenbilder und Demaskierung der Vorstellungen von Mann und Frau betreibt sie auch in ihren kommenden Romanen »La Marquise de Sade« (1887) und »Madame Adonis« (1888).

Bis zu ihrer Heirat mit dem Schriftsteller und Herausgeber Alfred Vallette 1889 trug Rachilde Männerkleidung. Zusammen bekamen sie eine Tochter, die sie Gabrielle nannten und gründeten 1890 den »Mercure de France«, die führende Literaturzeitschrift des Symbolismus, in der sie bis 1925 als Autorin und Kritikerin schrieb. Neben dieser Tätigkeit veröffentlichte Rachilde zahlreiche Romane und Kurzgeschichten, die auch unter den Pseudonymen Jean de Chilra und Jean de Chibra erschienen, welche immer wieder Themen wie sexuelle Identität, Androgynie, Geschlechterkonventionen Emanzipation und Transsexualität behandeln.

In den Räumlichkeiten des »Mercure de France« fanden zudem Künstlertreffen mit namhafter Pariser Autoren des Fin de Siècle statt, darunter waren auch Gäste wie Oscar Wilde. Rachilde war Teil der avantgardistischen Literaturzirkel und bot mit einem Literatursalon bis zum Tod ihres Ehemannes eine Diskussionsplattform für bedeutende Autoren.

Rachildes Vermächtnis ist heute zum großen Teil vergessen, dennoch lässt sie sich neben Colette und Coco Chanel zu den wenigen einflussreichen Frauen des französischen Dekadentismus zählen. Mit ihrer modernen Lebensweise und ihrem Kampf um die Akzeptanz der diversen Sexualitäten war die junge Schriftstellerin eine beeindruckende Vordenkerin und Wegbereiterin der queeren Literatur, die lange ihrer Zeit voraus war und schon Ende des 19. Jahrhunderts die Grenzen der Geschlechter aushebelte und patriarchalische Gesellschaftskonstrukte dekonstruierte, um geltende Schranken und Konventionen zu Fall zu bringen.

Bisher wurde nur »Der Panther« (1989, Bouvier) dieser beeindruckenden Persönlichkeit ins Deutsche übersetzt. Ich freue mich sehr, dass im September der einstige Skandalroman »Monsieur Vénus« zum ersten Mal in der deutschen Übersetzung im Reclam Verlag erscheinen wird und blicke dieser Veröffentlichung äußerst gespannt entgegen!

»Monsieur Vénus« | Rachilde

Der Titel des Romans ist erzählerisches Programm – hier werden die Geschlechterordnung und -grenzen gründlich durcheinandergewirbelt: Raoule de Vénérande, ihres Zeichens wohlhabende, junge Pariser Adlige, verliebt sich in Jacques Silvert, einen jungen Mann aus einfachen Verhältnissen, der seinen Lebensunterhalt mit Kunstblumen verdient. Sie macht Jacques – nach allerlei Liebschaften beider zu anderen Personen diverser Geschlechter – zu ihrer Geliebten und schließlich zu ihrer Frau. Die französische Literatin mit dem – eher männlich gelesenen – Pseudonym Rachilde schrieb Monsieur Vénus im Paris der 1880er Jahre mit Anfang 20. Sie verstieß mit ihrem Roman so vehement gegen die gesellschaftlichen und sexuellen Konventionen ihrer Zeit, dass das Werk ihr eine Geld- und Haftstrafe einbrachte und nur in einer entschärften Fassung erscheinen konnte.

Zum ersten Mal auf Deutsch – in der vollständigen Originalversion und mit einem Nachwort der Literaturwissenschaftlerin und Expertin für weibliches Schreiben Martine Reid.

Quelle: Reclam Verlag

Weibliches Dandytum

Die Begrifflichkeit Dandy stammt aus dem 18. Jahrhundert und beschreibt Männer, die sich durch einen eleganten und auffälligen Kleidungsstil, Kultiviertheit, formvollendetes Auftreten und die guten Manieren eines Gentlemans auszeichnen.

Die Vertreter des Dandyismus sind bis ins 19. Jahrhundert zu finden und stammen zumeist aus der Künstler-, Schreiber- oder Dichter-Szene, die sich gegen die engen gesellschaftlichen Sitten stellten und eine ganz eigene Lebensphilosophie verfolgten. Der Dandy neigt zu einer starken Selbstinszenierung, genießt die Unabhängigkeit von jeglichen Zwängen, die Arbeit oder Eheleben mit sich bringen würden, und ihm wird ein eher ungezwungenes Verhältnis zum Geld nachgesagt.

Rachilde schreibt in »Monsieur Vénus« über die wohlhabende junge Adelige Raoule, die als Pendant zum männlichen Dandy angesehen werden kann, eine sogenannte Femme Dandy. Vertreterinnen der weiblichen Form des Dandytums, Dandette, sind vergleichsweise wenig bekannt. Doch auch sie haben sich nach mehr Modernität gesehnt und mit Kräften daran gearbeitet althergebrachte Strukturen aufzubrechen.

Quelle Grafik: Pixabay

5 Kommentare

  1. Hey Bella =)

    Auch mir war Rachilde bis gerade eben kein Begriff. Leider sind viele Frauen in der Geschichte verloren gegangen und nur Männer haben überdauert, aber das muss nicht so bleiben. Ich finde es klasse, dass du sie vorstellst und auch dass der Reclam Verlag nun nach so langer Zeit doch noch einen ihrer Romane übersetzt.
    Liebe Grüße,
    Nico

    • Lieber Nico,

      eben – das muss nicht so bleiben und ich bin sehr froh, dass ich durch die Veröffentlichung dieses Buches auf sie aufmerksam geworden bin.

      Liebe Grüße
      Bella

  2. Hab das Reclam Buch schon mal irgendwo beworben gesehen, aber wusste nicht, was (und wer) dahinter steckt. Klingt auf jeden Fall total interessant :)

    • Liebe Sunita,

      das finde ich auch – die Dame ist auf jeden Fall eine Vorstellung wert. Das Büchlein habe ich am Wochenende begonnen und es ist unheimlich unkonventionell und tatsächlich skandalös geschrieben wenn man sich vor Augen ruft, wann Rachilde das geschrieben hat!

      Herzliche Grüße
      Bella

Sag auch etwas dazu...

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.