{Rezension} Melmoth von Sarah Perry

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Titel: Melmoth
Originaltitel: Melmoth
Autorin: Sarah Perry
Übersetzerin: Eva Bonné
Genre: Belletristik
Verlag: Eichborn (Bastei Lübbe)
ISBN-13: 978-3847906643
Format: Gebunden
Seitenanzahl: 332 Seiten
Preis: 24,00 €
Erschienen: 30. September 2019

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In ihrem selbstauferlegten Exil hat es Helen Franklin nach Prag gezogen. Sie führt ein zurückgezogenes Leben und versagt sich selbst die kleinsten Freuden. Eines Tages gelangt durch einen befreundeten Professor eine merkwürdige Sammlung von Texten in ihren Besitz, die sich allesamt mit der Legende über eine mysteriöse Frauengestalt befassen, die für alle Ewigkeit dazu verdammt ist, vollkommen alleine auf der Erde zu wandeln. Schon bald greifen die düsteren Geschichten über Melmoth von den Niederschriften in Tagebucheinträge und Briefe weit hinaus und Helen fühlt sich auch in der Realität verfolgt. Doch existiert diese mystische Sagengestalt tatsächlich? Um das herauszufinden muss sich nicht nur Helen ihrer Vergangenheit stellen…

Melmoth, Melmotte, Melmotka, Melmat – die dunkle Frau, die für alle Ewigkeit dazu verdammt ist, in Einsamkeit auf der Erde zu wandeln und die armen sündigen Seelen derer heimzusuchen, deren Gewissen nicht frei von Schuldgefühlen ist, hat viele Namen. Doch alle Beschreibungen in Legenden, Tagebucheinträgen, Briefen und Geschichten erzählen eine ähnlich düstere Geschichte. Sarah Perry nimmt uns in ihrem neuen Roman »Melmoth« mit auf eine mysteriöse Reise in die tschechische Hauptstadt Prag.

»Hast du je«, fragt er, »dieses Kribbeln im Nacken gespürt? Wenn die Haare sich aufstellen, als würde ein kalter Luftzug durchs Zimmer wehen, den niemand fühlen kann außer dir?«
Melmoth, Seite 21


Die Autorin konnte mich bereits mit ihrem unglaublich bildhaften Schreibstil in »Die Schlange von Essex« an die Seiten fesseln und auch in ihrem neusten Werk überzeugt Perry mit einer unglaublich dichten Atmosphäre die eine ganze Palette an Gefühlen hervorruft. Von einem stark beklemmenden Szenario, dass durch teilweise direkte Ansprache des Lesers zusätzlich verstärkt wird, bis hin zu schaurigen Sequenzen wird einiges geboten. Als Beobachter der Geschichte mit einbezogen zu werden ist ein guter Ansatz, jedoch fand ich die Einschübe mit der direkten Ansprache etwas gewöhnungsbedürftig.

Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt, die diverse Lebensgeschichten erzählen und als Schnittpunkt die Begegnung mit der düsteren Zeugin Melmoth gemein haben. Die Hauptprotagonistin ist die zweiundvierzigjährige Engländerin Helen Franklin, deren Vergangenheit sie zu einem selbst auferlegten Exil nach Prag führte, wo sie durch den befreundeten Professor Dr. Karel Pražan an eine Dokumentensammlung über die Erscheinungen der geisterhaften Frau gelangt und durch diese Lektüre immer tiefer in den Sog ihrer eigenen Gedanken über ihre Vergangenheit und ihre eigenen Sünden gezogen wird.

Die Zeichnung von Helen Franklins faszinierendem Charakter ist Perry hervorragend gelungen und sorgt für ein besonders tiefgehendes Leseerlebnis. Häppchenweise rückt man an den Kern von Helens prägender Vergangenheit heran und wird mit einer dramatischen Lebensgeschichte überrascht. Als Katalysator hat Perry die entzückende und etwas schrullig anmutende Vermieterin Albína Horákovás herbeigezaubert, die mit ihrer extrovertierten Art eine frische Brise mitbringt.

Sie denkt über eine Frau nach, die von Männern verhört wird und sich widersetzt, über die Angemessenheit der verhängten Strafe. Sich diese Beobachterin, diese Zeugin vorzustellen – beispielsweise als alte, bucklige Hexe mit starrem, unheilvollem Blick und schwarzer Kleidung – , fällt ihr nicht schwer, und auch das kribbelnde Gefühl eines unnachgiebigen BLicks im Nacken lässt sich mühelos heraufbeschwören.
Melmoth, Seite 72


Am berührendsten fand ich die Erzählung über die Kindheit von Josef Adelmar Hoffmann, die vor allen Dingen durch den Krieg und die Auswirkungen des Nationalsozialismus geprägt wurde, der seine Fänge bis nach Prag ausstreckte und durch den schamlosen Machtmissbrauch den perfekten Nährboden für einen Sündenpfuhl darbrachte. Diese tiefschürfenden Erlebnisse verfolgten Josef Adelmar Hoffmann bis ins hohe Alter und sorgten für seine ganz persönliche Begegnung mit Melmoth.

Im dritten Abschnitt bekommt der Leser das Tagebuch einer jungen Frau aus den 1930er Jahren zu lesen, die über ein Ereignis aus ihrem Leben berichtet, welches sich in Ägypten zutrug und über das Zeugnis von Namenlos und Hassan berichtet. Zu dieser Erzählung habe ich leider keinen rechten Zugang gefunden und habe diesen Abschnitt fast schon als Störung der Gesamtkomposition empfunden. Trotz diesem kleinen Abschwung zum Ende hat Sarah Perry mit »Melmoth« ein wirklich gelungenes und lesenswertes Werk vorgelegt, dass sich durch seine Dramaturgie auch wunderbar als Filmmaterial eigenen würde.


Eine mysteriöse und vielfältige Schauerstory, die für ein cineastisches und absolut fesselndes Leseerlebnis sorgt.

★★★★☆

Sarah Perry wurde 1979 in Essex geboren und lebt heute in Norwich. Ihr Roman Die Schlange von Essex war einer der größten Überraschungserfolge der letzten Jahre in England. Ausgezeichnet als Buch des Jahres 2016 der Buchhandelskette Waterstones, Gewinner des britischen Buchpreises 2017 für den besten Roman sowie für das beste Buch insgesamt. Der Roman war nominiert für den Costa Novel Award, den Dylan Thomas Prize, den Walter Scott, den Baileys und den Wellcome Book Prize.

Quelle: Bastei Lübbe | Foto: © Jamie Drew


[…]insgesamt ist Sarah Perry mit Melmoth ein schauriges Leseerlebnis gelungen, dessen Thematik noch lange im Geiste zurückbleibt.
Buchperlenblog

Ein erstklassig geschriebenes, herausforderndes und spezielles Buch, das Leser braucht, die sich darauf einlassen möchten.
Buchstabenträumerei

Melmoth ist ein Buch, das mich zwiegespalten zurückgelassen hat. Es hat mich begeistert und enttäuscht, verfolgt und verwirrt.
Miss PageTurner

Ungewöhnlich in Thema und Schreibstil – ich konnte jedoch mit diesem düster-deprimierenden Sündenmix aus Glaube, Verbrechen und Schuldgefühl im winterlichen Prag nicht warm werden.
oceanloveR

Sarah Perry hat die perfekte Geschichte für den Herbst geschrieben, nämlich einen unheimlichen Schauerroman.
sharon.baker liest

Du hast das Buch auch besprochen? Dann gib mir doch über die Kommentarfunktion Bescheid. Ich verlinke Deine Rezension dann gerne hier.

8 Kommentare

  1. Meine Liebe! ♥
    Eine ganz fantastische Besprechung zu diesem Buch, das – wie mir scheint – tatsächlich etwas die Geister scheidet. Es war mir wie immer ein großes Vergnügen, das Buch mit dir gemeinsam zu erleben! ♥

    • Liebste Gabriela,
      vielen Dank für deinen tollen Kommentar. Uns hat das Buch ja wirklich gut gefallen, aber ich habe nun auch schon einige nicht so positive Meinungen gelesen. Geschmäcker sind halt doch sehr unterschiedlich.

      Mir war es auf jeden Fall ebenso ein Vergnügen mit dir dieses Buch zu entdecken.

      Liebe Grüße
      Bella

  2. Miss Pageturner

    Huhu
    Schöne Rezension =) Mir hat Hoffmanns Erzählung auch am besten Gefallen, in der Leserunde auf Lesejury, kam dieser Part eher weniger gut weg, aber ich fand ihn sehr interessant,weil sie das gängige Schema der Schilderungen im Nationalsozialismus aufweicht, in der sonst entweder von den Bösen=Nazi und den Guten=Wiederständler berichtet wird. Hoffman ist keins von Beiden.

    Leider konnte mich das Buch dennoch nicht komplett abholen und war mir in seiner Erzählweise an vielen Stellen zu verworren.

    Hier ist meine Rezension
    ♥ Sandra

    • Liebe Sandra,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Sarah Perry scheint mit ihrem Roman die Geister zu scheiden. Ich bin vollkommen deiner Meinung zu Hoffmanns Part in der Geschichte. Ich fand das unglauglich berührend und einfach mal einen anderen Blickwinkel.

      Ich habe deine Rezension bei mir gerne verlinkt.

      Liebe Grüße
      Bella

  3. oceanloveR

    Ahoi Bella,

    momentan lesen wir wohl viel das Gleiche…
    Wieder habe ich schlechter bewertet xD Wobei ich die Geschichte von Hassan und Namenlos total mochte ^^ Mich störte hingegen dieses düster-depressive…

    Liebe Grüße, Ronja von oceanloveR
    zu meiner Rezension

    • Ahoi Ronja,

      scheint mir auch so :) und gerne verlinke ich wieder deine Rezi bei mir.

      Bei „Melmoth“ gehen die Meinungen ganz schön auseinander. Während die einen es lieben, hassen es die anderen. Ich kann es nachvollziehen wenn man diese düstere und beklemmende Stimmung nicht mag, dann würde ich diesen Roman auch auf keinen Fall empfehlen. Ich lese solche Sachen zwischendurch richtig gerne, da kuschel ich mich ganz tief in eine Decke und lasse mich von den dunklen Wolken und der bedrückenden Atmosphäre solcher Geschichten ganz gefangen nehmen.

      Liebe Grüße
      Bella

      • oceanloveR

        Hassen ist zu viel gesagt, aber ja, wenn man (so wie ich) eine allzu negative Stimmung auch mit Kuscheldecke und Kakao nicht mag, dann ist das Buch einfach nichts für einen ^^

        Danke auch wieder für´s Verlinken :)

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