{Rezension} Das Jahr der Hexen von Alexis Henderson


Lesedauer: 4 Minuten

Die Siedlung Bethel wird von einem Propheten geleitet, der die strengen Gesetze des Vaters wahrt. Nur ein gläubiges Leben wird anerkannt und vor allem die Frauen sind Gefangene, die sich aufopferungsvoll dem Willen des Glaubens unterwerfen müssen. Die sechzehnjährige Immanuelle ist aufgrund ihrer sündhaften Herkunft ein Schandfleck in der gottesfürchtigen Gemeinschaft, dennoch darf sie bei ihrer verbliebenen Familie leben und wurde nicht als Ausgestoßene in die Vororte verbannt.

Als Immanuelle im verbotenen dunklen Wald auf Hexen trifft, erhält sie als Geschenk das Tagebuch ihrer verstorbenen Mutter. Die Aufzeichnungen lassen Immanuelle an den Worten des Propheten zweifeln und als sich der erste Fluch der Hexen erfüllt, sieht sich Immanuelle in der Verantwortung etwas zu unternehmen…

Ein vielschichtiges Debüt über eine wahnhafte Sekte, Sexismus und Rassismus ist der jungen Autorin Alexis Henderson mit ihrem Roman »Das Jahr der Hexen« gelungen. Die Autorin hat ihre Geschichte nicht genau datiert, doch aufgrund der puritanischen Gesellschaftsform und den geschilderten Lebensumständen trägt sie sich wohl irgendwann zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert in einer kleinen Ortschaft namens Bethel zu.

Der Erzählstil ist mit seinen langen in sich verschachtelten Sätzen an die Zeit angepasst und lässt erst langsam ein Bild entstehen, dass einen dann aber immer tiefer in die bizarre Glaubensrichtung der Gemeinde und die unterdrückte Stellung der Frauen hineinzieht.

An oberster Stelle ihres Glaubens steht der allmächtige Vater, vertreten durch einen gottähnlichen Propheten, der sich in einem blutigen Ritual eine junge Frau, nach der Anderen zum Eheweib nimmt und mit seinen Predigten über Sünde und Sühne seine Schäfchen in einem machtvollen Gespinst von Angst und Schrecken gefangen hält. Die strengen Glaubenssätze repräsentieren ein intolerantes Gesellschaftskonstrukt, dass Menschen mit anderer Hautfarbe als Menschen zweiter Klasse vor die Stadttore verbannt und gegen den ketzerischen Glauben an die Mutter des Waldes und ihre Hexen mit brennenden Scheiterhaufen begegnet.

Alexis Henderson hat mit Immanuelle eine unglaublich starke Heldin zu Papier gebracht, die es aufgrund ihrer sündhaften Herkunft nicht leicht hat. Der unwürdige Vater, dessen Hautfarbe sie als seine Nachfahrin zeichnet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde und die bei ihrer Geburt verstorbene Mutter als Hexe verschrien. Immanuelle wird zwar aufgrund ihrer gläubigen Erziehung zwar in Bethel geduldet, aber mit Freundlichkeit begegnen ihr nur ihre Blutsverwandten und einzige Freundin Leah.

Spannend wird es als Immanuelle und Ezra, der künftige Erbe des Propheten, aufeinandertreffen und sich die verquere Dynamik der Geschichte zu entfalten beginnt. Während Immanuelle noch an den Glaubenssätzen des Vaters festhält, sieht Ezra den schändlichen Machtmissbrauch seines Vaters. Je mehr Immanuelle über die Vergangenheit ihrer Eltern herausfindet, desto mehr bröckelt ihr Weltbild und dann sind da auch noch die Flüche ihrer Mutter, die sie entfesselt hat und um jeden Preis aufgehalten werden müssen…

Aufgrund des Buchtitels hatte ich ein wenig mehr Raum für die Hexen und deren Werk erwartet, doch die Handlung trägt sich fast ausschließlich in Bethel zu und Dialoge mit Hexen bzw. Hexenkundigen kann man an einer Hand abzählen. Die Geschichte ist erfüllt vom herrschenden Patriarchat, welches unter dem Deckmantel der heiligen Religion missbraucht, opfert und unterdrückt. Somit ist die Atmosphäre durch eine bedrückende Stimmung geprägt und nur ab und zu blitzt die mystische Macht der Hexen auf.

Die Hauptcharaktere sind präzise ausgearbeitet, was es einem leicht macht in ihre Situation einzutauchen und dem spannenden Handlungsbogen zu folgen. Jedoch konnte ich nicht ganz nachvollziehen, warum die Autorin interessante Figuren kurz einführt und danach nie wieder erwähnt. Dadurch wirkt es manchmal nicht ganz durchdacht und sicherlich hätte man so noch mehr Nervenkitzel herausholen können. Auch zum Finale hin, sind leichte Schwächen bemerkbar, da die langsam aufgebaute Story sehr schnell zu Ende gebracht wird und dabei etwas von ihrem bedrohlichen Charme einbüßt.


»Das Jahr der Hexen« ist trotz kleiner Abstriche ein absolut lesenswerter Debütroman, in dem Hexenmystik mit Spannung und gefährlichen Sektenwahnsinn vermischt und Themen der gegenwärtigen Zeit (Feminismus, Rassismus) zum Tragen kommen.

★★★★☆

*WERBUNG*


Titel: Das Jahr der Hexen
Originaltitel: The Year of the Witching
Autorin: Alexis Henderson
Übersetzerin: Susanne Picard
Genre: Thriller, Horror
Verlag: Festa
ISBN-13: 978-3865529114
Format: Gebunden
Seitenanzahl: 528 Seiten
Preis: 19,99 €
Erschienen: 28. Mai 2021

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Die Autorin Alexis Henderson hat einen Hang zu Dark Fantasy und Hexerei. Sie wuchs in einer Stadt auf, die für ihre Geistererscheinungen bekannt ist: in Savannah, Georgia. Darin hat ihre Liebe zu Geistergeschichten wohl ihren Ursprung. Wenn Alexis ihre Nase nicht gerade in ein Buch steckt, malt sie oder schaut zusammen mit ihren Katzen Horrorfilme. Alexis lebt heute in Charleston, South Carolina. THE YEAR OF THE WITCHING ist ihr erster Roman.

Quelle: Festa Verlag


Eine aufreibende Story, die sich erst entfalten muss und sehr an den Nerven zerrt, dafür aber noch eine Weile im Gedächtnis herumschwirrt – alles in allem ein starker und außergewöhnlicher Debütroman.
Letterheart

„Das Jahr der Hexen“ verknüpft gekonnt spannende und wichtige Themen. Ein großartiger Debütroman in einer großartigen Aufmachung!
Bücherbaronin

Am Ende konnte mich Immanuelles Geschichte zwar überzeugen, aber es dauerte, bis ich mit ihr warm wurde.
Booknerds by Kerstin

Der Grundgedanke der Geschichte ist gut. Allerdings hat die Umsetzung der Spannung nicht gut getan.
Papierflügel

faanielibri

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3 Kommentare

  1. Hallo liebe Bella,

    hm, der Festa-Verlag steht für mich persönlich immer für besondere gruslige/ungewöhnliche Personen und Orte …….manche Geschichte würde ich sogar mit einer Warnung versehen…….

    Hier wohl nicht….?

    LG…Karin..

    • Hallo Karin,

      auch hier bleibt sich der Festa-Verlag wieder treu, es ist zwar nicht übermäßig blutrünstig aber das subtile Grauen durch die Unterdrückung von Frauen und Ausstoßung von jeglichen Menschen, die anders sind als das idealisierte Bild der Sekte, kriecht ganz schön unter die Haut.

      Liebe Grüße
      Bella

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