{Rezension} Die Erfindung der Sprache von Anja Baumheier


Lesedauer: 4 Minuten

Adam Riese ist besonders. Das wird schon früh erkannt, denn er beginnt erst mit zwei Jahren zu sprechen und versteckt sich lieber hinter Zahlen und seinen Büchern, da ihm zwischenmenschliche Beziehungen Angst einflößen. Herangewachsen in einer liebevollen Familie auf einer kleinen ostfriesischen Insel, kehrt jedoch Adams Vater Hubert nach einer Pilgerreise nicht mehr zurück, als Adam gerade einmal dreizehn Jahre alt ist. Dies hinterlässt tiefe Spuren bei Mutter Oda, der Familie und der Inselgemeinschaft.

Mittlerweile erwachsen geworden, arbeitet Adam als Dozent für Sprachwissenschaften an einer Berliner Universität, als plötzlich durch das Buch »Die Erfindung der Sprache« eine Spur von seinem Vater auftaucht, begibt er sich auf eine spannende Suche durch Deutschland.

Der neue Roman von Anja Baumheier, »Die Erfindung der Sprache«, ist meine erste Lektüre von der Schriftstellerin und Lehrerin, welche mich gleich durch die auffallende Sprache und die warmherzige Familienstory begeistern konnte.

Anja Baumheier schafft mit sprachlichen Hilfsmitteln, Wiederholungen, Listen und eine enorme Anhäufung beschreibender Adjektive die passende Umgebung für ihren besonderen Hauptprotagonisten Adam Riese. Adam beginnt nämlich erst recht spät mit dem Sprechen, ist zurückhaltend, lernt früh lesen und hat Schwierigkeiten bei zwischenmenschlichen Beziehungen. Seine Familie kümmert sich liebevoll um ihn, so richtet ihm z. B. sein Vater Hubert einen Rückzugsort im Leuchtturm ein – dort kann sich Adam, wenn ihm alles zu viel wird, vor der Welt zurückziehen.

Die Geschichte wird in zwei Zeitsträngen (Vergangenheit und Gegenwart) erzählt, sodass man zum einen von den Anfängen der Familie erfährt, wie Großvater Ubbo sich in die tschechische Großmutter Leska verliebte und sie nach Ostfriesland zogen, aber auch wie ihre einzige Tochter Oda zur Welt kam und später Hubert kennenlernte und mit ihm ihre eigene Familie gründete. Die Verschmelzung zwischen der ostfriesischen und der tschechischen Kultur ist eine charmante Zugabe, die vor allen Dingen in kulinarischer und sprachlicher Weise der Geschichte einen charmanten Akzent verleiht.

Ein Teil des Romans trägt sich in Adams Heimat, der fiktiven ostfriesischen Insel Platteoog zu, dort ist seine Familie zu Hause und der Zusammenhalt in der kleinen Gemeinschaft der Einwohner*innen kommt einem eigenen Mikrokosmos gleich, in dem Adam behütet heranwächst bis sein Vater nach seinem dreizehnten Geburtstag verschwindet und die Familienidylle zusammenbricht.

Im gegenwärtigen Handlungsstrang ist Adam erwachsen und lebt durch seine menschenscheue Eigenschaft ein zurückgezogenes Leben als Dozent für Sprachwissenschaften in Berlin bis er in dem titelgebenden Buch »Die Erfindung der Sprache« auf eine Spur seines Vaters stößt und sich auf einen abenteuerlichen Road-Trip begibt, der ihn quer durch Deutschland führt. Immer an Adams Seite die gelbe Leuchtreklametafel und sein reiselustiger Hartschalenkoffer, aber auch Zola, die Autorin des Buches im Buch, begleitet ihn ein Stück des Weges.

»Nichts wiegt schwerer als Ungewissheit, sie nagt an der Seele, die verlorene Zeit ist unwiederbringlich.«
Seite 364

Mächtig beeindruckt hat mich die Entwicklung von Adam, der sich seiner Furcht stellt und sich langsam aus dem Klammergriff seiner Angststörung löst. Das alles bewirkt die aufregende Suche nach seinem Vater, bei der Adam schließlich auch zu sich selbst und einer bisher ungeahnten Stärke findet.

Mit »Die Erfindung der Sprache« ist Anja Baumheier ein Roman gelungen, der in erster Linie durch seinen Hauptprotagonisten lebt. Daher habe ich auch am liebsten die Kapitel aus der Gegenwart gelesen, die in meinen Augen aber durch die Rückblenden in die Vergangenheit wunderbar unterfüttert wurden. Der Road-Trip mit Adam verleiht der berührenden Familiengeschichte eine unterhaltsame Note mit spannenden Momenten. Die etwas grob gezeichnete Inselgemeinschaft, die wie ein Mix aus Schablonen-Protagonisten wirkte und Plotwendungen, die vielleicht nicht ganz so rund und logisch erscheinen fallen da nicht allzu sehr ins Gewicht.


Berührender Familienroman und mitreißender Road-Trip in einem! Obendrauf gibt es noch einen ganz besonderen Protagonisten, der den Roman zu einer absoluten Herzgeschichte macht.

★★★★☆

*WERBUNG*


Titel: Die Erfindung der Sprache
Autorin: Anja Baumheier
Genre: Gegenwartsliteratur
Verlag: Kindler (Rowohlt)
ISBN-13: 978-3463000237
Format: Gebunden
Seitenanzahl: 496 Seiten
Preis: 20,00 €
Erschienen: 16.02.2021

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Anja Baumheier wurde 1979 in Dresden geboren. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Berlin und arbeitet dort als Lehrerin für Französisch und Spanisch. Bei Rowohlt erschienen bereits ihre Romane „Kranichland“ und “Kastanienjahre”.

Quelle: Rowohlt Verlag


[…] eine rührende Familiengeschichte, zeichnet aber auch die Reise zu sich selbst nach und macht dabei unheimlich viel Spaß.
Madame Klappentext

Anja Baumheier hat eine wunderbare Familien- und Inselgeschichte geschrieben, die mich bis zum Ende gefesselt hat.
Wörter auf Papier

Eine schöne Geschichte, die Mut macht und voller Hoffnung steckt, ungewöhnliche Charaktere, die ans Herz wachsen und ein warmherziger, lebendiger Schreibstil, der immer wieder auch zum schmunzeln einlädt – ein Wohlfühlbuch, das ich sehr gerne gelesen habe.
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